Meran 1815–1915 – ein Abend über ein übersehenes Jahrhundert
Am Freitagabend, dem 11. September 2026, lud die Schützenkompanie Meran ins Schützenheim am Sandplatz zu einem Vortragsabend mit Dipl.-Ing. Michael Demanega. Rund 45 Zuhörerinnen und Zuhörer folgten der Einladung.
Zur Einstimmung sprach Ltn. Philipp Kleon, Kulturreferent der Schützenkompanie Meran. Er umriss kurz die Bedeutung dieser Epoche für das Land und übergab dann an den Referenten.
Michael Demanega spannte einen Bogen über das Jahrhundert zwischen 1815 und 1915 – jene hundert Jahre, die zwischen dem Wiener Kongress und dem italienischen Kriegseintritt liegen und in der Tiroler Erinnerung auffällig wenig Platz einnehmen. Zwischen dem Freiheitskampf von 1809 und dem Ersten Weltkrieg klafft in der landläufigen Geschichtswahrnehmung eine Lücke. Genau dort setzte der Vortrag an.
Den ersten Schwerpunkt bildeten die drei Verteidigungskriege an der Südgrenze des Landes. Demanega ordnete sie in ihrer Bedeutung neben den Freiheitskampf von 1809 – und übte dabei deutliche Kritik an der Rolle des Hauses Habsburg. Wien habe die Gefahr aus dem Süden über Jahrzehnte hinweg nicht wahrhaben wollen.
1866 ging die Initiative zum Grenzschutz nicht vom Staat aus, sondern von den Freiwilligen im Land selbst: Innsbrucker Studentenverbindungen stellten im Mai eine akademische Scharfschützenkompanie auf, der auch Gymnasiasten aus Meran und Bozen beitraten. Der kaiserliche Aufruf zum Landsturm erging erst am 17. Juli – zu einem Zeitpunkt, als die Freischaren Garibaldis bereits auf 38.000 Mann angewachsen waren.
An allen drei Grenzkriegen 1848, 1859 und 1866 waren auch Meraner Schützen beteiligt. Die Landesverteidigung war in diesen Jahrzehnten keine Angelegenheit des Staates, sondern eine Sache der Kompanien und der Freiwilligen – ein Selbstverständnis, das bis heute nachwirkt.
Der zweite Teil des Abends galt drei Persönlichkeiten mit Meraner Bezug. Franz Tappeiner, Arzt aus dem Vinschgau, Pionier des Meraner Kurwesens und Namensgeber des Krankenhauses, wurde 1848 von den freiheitlichen Kreisen „Jung Meran“ als Kandidat für die Frankfurter Nationalversammlung nominiert. Otto Rudl, als Kind nach Marling gekommen und Schüler des Meraner Gymnasiums, wurde Stadtarzt in Bozen und schuf mit der Mundartfigur des „Hiasl“ ein literarisches Denkmal der Burggräfler Mundart – und galt zeitlebens vielen nicht als „richtiger Tiroler“. Karl von Grabmayr schließlich, Advokat in Obermais, gab Tirol mit dem Grundbuch (1896), dem Höfe- und Anerbenrecht (1900) und der Tiroler Landeshypothekenanstalt (1901) eine Ordnung, die bis heute nachwirkt. Er selbst war 1866 als 18-jähriger Student mit der Innsbrucker Studentenkompanie an die Südfront gezogen und schlug damit die Brücke zum ersten Teil des Abends.
Allen dreien gemeinsam war eine freiheitliche, deutschnationale Grundhaltung – eine politische Strömung, die Tirol im 19. Jahrhundert stark geprägt hat und in der heutigen Erinnerungskultur kaum noch vorkommt.
Im Anschluss dankte Hauptmann Lukas Prezzi dem Referenten für den Vortrag und den Anwesenden für ihr Interesse. Als kleines Zeichen der Anerkennung überreichte er Michael Demanega einen Geschenkskorb mit Südtiroler Spezialitäten aus eigener Erzeugung.

